Mittwoch, 7. November 2012

Legenden, Fabeln und Märchen aus Korsika


Lieber BesucherInnen,
heute möchte ich Ihnen eine neue Reihe von Posts vorstellen, in denen ich Ihnen mündlich überlieferte Legenden, Fabeln und Märchen aus Korsika präsentieren werde. Ich beginne mit einer Legende, die zur Saison passt, mit ein wenig grusliger Stimmung im November spielt und den Titel "Maria" trägt.

Viel Freude beim Lesen,

Liebe Grüße,
Ihre Miluna

Maria
Es geschah an einem lauen Abend im November. Nach drei Jahre langem Krieg, kehrte ein junger Soldat nach Haus in sein Dorf zurück.
Angezogen von Akkordeon Musik und munterem Treiben ging er auf den Dorfplatz zu, wo die Dorfjugend sich beim Tanz bewegte. Der junge Mann, der Serafinu hieß, ließ sich am Bartresen nieder und bestellte einen Absinth. Während er seinen Absinth trank, entdeckte er ein junges hübsches Mädchen, welches an einem Laternenpfahl lehnte und dort unbeweglich mit traurigem Gesicht in die Gruppe von tanzenden Leuten schaute. Er schreckte auf, als sich auf einmal ihre Blicke kreuzten. Sie sandte ihm ein zögerndes Lächeln zu, welches er sofort erwiderte.
So nahm er all seinen Mut zusammen und überquerte den Platz, um sich ihr zu nähern. Sie begannen ein lockeres Gespräch. Sie erklärte ihm, dass sie Maria hieß. Schließlich lud er sie zum Tanz ein und sie verneinte natürlich nicht. Sie tanzten eine Arie nach der anderen. Bei einer langsamen Ballade zog er sie dann dicht an sich heran. Sie umarmten sich innig und wiegten sich eng umschlungen in der sanften Melodie.
Sein Herz schlug immer schneller, doch als sein Gesicht ihre Wangen streiften, wurde er von einem eigenartigen Gefühl übermannt. Ihre Wangen wie auch ihre Hände waren eiskalt, und diese Kälte kroch in seinem Inneren hoch, bis zu seinem Herzen, das ihm fast vor Schreck still stand. Ihr liefen kalte Tränen  aus ihren dunklen Augen über ihre blassen Wangen. Er wollte sie fragen, warum sie so traurig war, doch er brachte kein Wort heraus; seine Kehle schien wie zugeschnürt. Ohne zu zögern und sich dabei ein wenig aus ihrer Umarmung lösend, zog er seine Jacke aus und legte sie ihr über die Schultern, um sie zu wärmen.

Auf dem Dorfplatz kehrte allmählich wieder Ruhe ein; die Tanzenden hatten sich einer nach dem anderen zurückgezogen. Serafinu schlug ihr vor, sie nach Hause zu bringen. Erst wehrte sie ab, doch dann ließ sie sich von ihm auf dem vom Mondlicht erhellten Pfad bis zum Ende des Dorfes begleiten, wo sich ihr Haus befand.

Vor ihrer Haustür angekommen, gestand er ihr, dass es ihm große Freude bereiten würde, sie erneut zu treffen. Doch sie antwortete ihm, dass es unmöglich sei. Er blieb hartnäckig, und versprach ihr, sie morgen besuchen zu kommen. Doch erneut versuchte sie ihm zu erklären, dass sie sich nicht wiedersehen könnten. Sie wollte ihm seine Jacke zurückgeben, doch er antwortete ihr, dass sie sie behalten sollte, er würde sie später abholen. Ohne ihm noch eine Antwort zu geben verschwand sie im Dunkel des Türeingangs.

Er kehrte heim und konnte kaum Schlaf finden, da er unentwegt an sie denken musste. Am Nachmittag machte er sich erneut auf zum Haus von Maria. Dort angekommen  klopfte er an die Tür. Wenig später öffnete eine alte Dame ganz in schwarz gekleidet  und fragte nach seinem Anliegen.
Serafinu war erstaunt wie sehr die alte Dame Maria ähnelte. Er erklärte ihr, dass er einer jungen Frau, die hier wohnte, gestern Abend beim Ball seine Jacke geborgt hatte und sie nun abholen wollte. Die alte Frau schaute ihn erstaunt an und bat in einzutreten. Sie lud ihn ein, sich an den großen Eichentisch nahe dem Kaminfeuer zu setzen. Sie servierte ihm Wein, Brot und Hartwurst. Anschließend bat sie ihn die junge Frau zu beschreiben. Er gab ihr eine genaue Beschreibung  von Maria. Die alte Dame nahm einen Bilderrahmen mit einem vergilbten Foto vom Kamin und hielt es in ihrer zittrigen von Falten übersäten Hand vor ihn hin, und schaute ihn fragend an.
Er erkannte auf dem Foto sofort die junge Frau, die er gestern Abend beim Ball in den Armen gehalten hatte.
„Das ist Maria!“, sagte die alte Dame mit rauer Stimme. „Maria war meine Tochter, aber sie ist vor fast dreizehn Jahren einer Lungenentzündung erlegen.“ Ihr standen Tränen in den Augen, als sie wieder das Bild auf den Kamin stellte. Serafinu stieg das Blut in den Kopf, er wollte nicht glauben, was er da hörte.
Bei sich dachte er: „Das ist doch unmöglich, Maria war so real gewesen. Ich habe doch nicht geträumt!“
Doch dann lief es ihm kalt über den Rücken, als er sich an ihre leblosen kalten Wangen erinnerte, die er an seinem Gesicht gespürt hatte. Die alte Dame sah sein Entsetzen, so nahm sie seine Hand, und führte ihn hinaus. "Gehen wir zum Friedhof, um Maria einen Besuch abzustatten“, sagte sie aufmunternd. Er folgte ihr ohne zu zögern. An ihrem Grab angekommen, welches liebevoll von Blumengebinden geschmückt war, fielen seine Augen sofort auf seine Jacke, die sauber gefaltet neben Marias Grabstätte lag ...

Nacherzählt aus mündlicher Überlieferung
Von Miluna Tuani


© Miluna Tuani

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