Mittwoch, 22. Februar 2012

Miluna's Korsika Kurzgeschichten: „Tempuscuru“ oder „Deftiges aus der traditionellen korsischen Gerüchteküche..."

Liebe BersucherInnen,
heute möchte ich Ihnen einen weiteren Beitrag aus der Reihe "Miluna's Korsika Kurzgeschichten" vorstellen. Es handelt sich um eine Minikurzgeschichte und der Titel lautet:

'Tempuscuru oder Deftiges aus der korsischen traditionellen Gerüchteküche..."

Sie berichtet von der regen, aber haarsträubenden Phantasie der Bewohner entlegener Bergdörfer Korsikas, die wie bekannt, oft den „gigantischen Elefanten aus der winzigen Mücke“ machen, und kräftig in der traditionellen Gerüchteküche herumköcheln, auch wenn bei jeder mündlich überlieferten Erzählung eines Ereignisses ein Fünkchen Wahrheit dahinter steckt …

Viel Spaß beim Lesen und danke für Ihr Interesse.

Liebe Grüße,
Ihre Miluna

Tempuscuru oder Deftiges aus der korsischen traditionellen Gerüchteküche...

Sie fuhr die serpentinenreiche Bergstraße zügig hinauf. Dicke graue Wolken hingen tief. Nebel stieg in Schwaden auf. Es fing an zu regnen. Große schwere Tropfen schlugen gegen die Windschutzscheibe und der Scheibenwischer kam kaum noch gegen diesen plötzlichen Regenschwall an. Sie fröstelte trotz der Heizung auf Hochtouren. Ihr war schwindlig von den vielen Kurven. Ihr wurde noch mulmiger, als sie das Bergdorf vor sich auf der Bergkuppe liegen sah.

Als sie endlich an der Flanke des Dorfes angelangt war, zog sie die steile Sekundärstraße zwischen engen, düsteren Gassen und anliegenden alten Steinhäusern hoch, bis sie auf einer Art Platz ankam. Dort hielt sie ihren Wagen reifen quietschend vor einem zerfallenen wirkenden Metalltor an. Sie atmete tief ein und aus, als wollte sie sich von einer bedrückenden Last befreien, bevor sie ausstieg. Sie versteckte sich unter der Kapuze ihres Regenmantels. Versunken und sinnend schaute sie auf die Terrasse vor sich, die von einer Weinpergola überdeckt war.

Da vernahm sie schwere, schleppende Schritte von der Treppe her, die neben dem Haus aus dem unteren Teil des Dorfes in die höher gelegenen Ansiedlungen führte. Sie hielt inne, als ein kläffender Hund, der den Eindruck eines römischen Kampfhundes hatte, mit gefletschten Zähnen auf sie zugeschossen kam und sich gefährlich gebärdend wild bellend vor ihr aufbaute. Sie bemühte sich, keine ruckartigen Bewegungen zu machen, da der Hund, nur noch wilder kläffte und knurrte und dazu reichlich speichelte.
„Brav, sei brav und hau ab, geh zu Deinem Herrchen, lauf!" - rief sie dem Hund zu, als sie einen alten Herrn entdeckte, der sich langsam die Treppen bis zum Platz hinaufquälte und sich dabei schwer auf seinen Gehstock stützte.
„Arcus! Hierher, zu Fuß, du dummer wilder Köter, was kläffst du denn immer die Leute an, hier her, und noch mal, zu Fuß!“ - schrie der Alte und stampfte mit seinem Stock geräuschvoll auf.

Der Hund ließ von ihr ab, rannte zu seinem Herrchen, blieb an seiner Seite hechelnd stehen. Er knurrte und brummte aber warnend weiter, als sie sich wieder, wenn auch langsam, bewegte. Der alte Mann schaute neugierig zu ihr hinauf und lehnte sich dann gegen einen Pfeiler, schwer atmend, von dem steilen Aufstieg angestrengt.
„Na, was machen sie denn bei diesem Wetter hier in den abgelegenen Höhen des Dorfes? Suchen sie etwa nach grusligen Attraktionen verlassener, verfluchter Gemäuer, wie dem da?“
Er zeigte auf das scheinbar verlassene Haus vor ihnen, hinter den entblätterten  wildwachsenden Weinstöcken versteckt, die so verwuchert waren, als wären sie jahrelang nicht mehr beschnitten worden.
„Sind sie etwa hier um Geister zu sichten, wie so viele vor ihnen? Hihi, hihi, also wenn sie lange genug warten, dann werden sie hier sicher welche erspähen, vor allen Dingen bei diesem miesen Wetter, da gehen sie auf Wanderschaft!“
Sie schaute fragend unter der Kapuze ihres Regencapes hervor.
„Kennen sie denn die Geschichte von "Tempuscuru" und diesem verlassenen Haus nicht?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein? Na, dann sind sie sicher nicht aus der Gegend, jeder kennt doch die Geschichte von diesem Haus und seinem verfluchten Bewohner!"
Sie zog wieder die Augenbrauen fragend hoch, und da begann der alte Mann schon zu berichten …

„Der Sohn der letzten Besitzer lebte dort viele lange Jahre allein. Alle hielten ihn für ein wenig, sagen wir mal, verrückt, er war ein Einsiedler, und keiner konnte ihn ausstehen, da er wenn er sich ab und zu mal unter die Leute mischte, jedes Mal Streit suchte und Ärger säte, und sogar Prügeleien verursachte. Egal wo er auftauchte, wehte ein kalter Hauch von Pessimismus hinter ihm her, eine Aura von Negativität umgab ihn: wenn er durch die Gassen griesgrämig wie ein verlorener Geist schlich, blieben lachende Kinder stumm stehen, und versteckten sich dann verängstigt. Hunde und Katzen wichen ihm in Panik aus, Pferde und Esel scheuten und galoppierten erschreckt davon. Sogar die Vögel flogen auf und weg. Man nannte ihn „Tempuscuru“, den „Schlechtwetterbringer“, oder „Runterzieher“. Keiner wagte ihm zu nahe zu kommen oder ihm gar in die Augen zu schauen; man erzählt, er sei von einem Dämon besessen, und wer ihm in die Augen schaue, dem ziehe er die Seele aus dem Körper … einem seiner Cousins soll das passiert sein, als er bei ihm vorbeigekommen ist, um über die Möglichkeit zu diskutieren, das Haus zu verkaufen, und ihn in eine Wohnung in der Stadt um zu logieren. Doch da soll er fuchsteufelswild geworden sein, und wenig später fand man seinen Cousin in einer der schmalen, steilen Gassen. Er war umgekippt und hat sich nie wieder von dem Sturz erholt: Als er aus dem Koma aufwachte, ähnelte er eher einem Zombie, als einem Menschen, er war seelenlos geworden. Noch heute hält er die Augen offen, aber er zeigt keine Reaktion mehr …
Und dann berichtet man, dass Tempuscuru zahlreiche junge Frauen, die als Haushaltshilfen bei den reichen Familien des Dorfes angestellt waren und in dem großen Gebäude hier gegenüber seines Hauses wohnten... ja man erzählt, dass er eine nach der anderen zu sich gelockt hat, und…“ – der alte Mann stockte und hustete.
„Und?“ fragte sie. Es war ihr erstes Wort, das sie an den Alten richtete.
„Und… er soll sie mit Kräutertinkturen willig gemacht haben, um sich dann an einer nach der anderen zu vergehen. Eine von ihnen hat sich angeblich ihrer Vermieterin anvertraut, und wenig später ist sie dann - wie auch alle anderen - spurlos vom Erdboden verschwunden. Man munkelt, er habe sie alle grausam massakriert und sie in seinem Garten neben dem Haus verbrannt. Die Nachbarn berichten, fürchterliche Schreie gehört zu haben. Sie beobachteten auch, dass er Mitten in der Nacht ein Feuer im Garten anzündete … und am folgenden Morgen, kam jede von ihnen nicht mehr zur Arbeit. Die Vermieterin der Zimmer erzählt, dass die jungen Frauen jede ihr Gepäck mit zu ihm nach oben genommen hatten, also offiziell bei ihr ausgezogen waren…“
Sie schaute ihn erstaunt unter ihrer Kapuze an, dann fragte sie leise: „Und warum hat denn keiner die Polizei benachrichtigt?“
„Junge Frau, wir halten hier nichts von der Polizei, denn die tut ja sowieso nichts, als nur rumlabern. Wir wenden hier Selbstjustiz an. Aber in diesem Fall, haben sie alle Muffensausen gehabt, keiner wollte sich da einmischen für eine Handvoll jungscher Putzen, die von irgendwo jenseits des Meeres hergekommen sind…
Sie schüttelte den Kopf … angewidert. Doch er berichtete weiter: „…das Schlimmste kommt ja noch: Vor einigen Jahren hat er sich wieder Eine angelockt, eine junge Intellektuelle, sagt man, aber eine Ausländerin, und diese blieb, länger als die anderen bei ihm. Keiner verstand warum - die muss entweder total verrückt wie er gewesen sein, oder sie hatte nichts zu verlieren. Ich hörte davon reden, sie hätte irgend so eine unheilbare Krankheit gehabt, und ihr blieb nicht mehr viel Zeit zu leben, wie auch immer, sie zog bei ihm ein. Einige unserer Alten haben versucht, sie zu warnen, doch sie hörte auf niemanden. Unglaublicher Weise schwängerte er sie mehrmals, und als die Gören da waren, ging das große Gezeter erst los. Er schrie sie tagtäglich an, er beschuldigte sie, der Ursprung all seiner Desaster zu sein, er tobte Tag ein Tag aus, noch schlimmer als vorher, als er noch alleine war und seine Krisen hatte. Er schien nichts zu ertragen, weder die Frau, noch die Kinder. Man vermutete, dass er sie und die Kinder schlug, man hörte das Geschrei und das Geheule bis in den unteren Teil des Dorfs. Eines Tages, nahm eine seiner alten Tanten, eins der Kinder bei sich auf, das in Panik weggelaufen war und völlig verstört der Alten anvertraute, dass er dabei war, seine Mutter zu erschlagen und eins seiner Geschwister schon den Schädel zertrümmert hätte…“
Sie schüttelte erneut den Kopf unter ihre Kapuze, die sie ein wenig nach Hinten schob, da es aufgehört hatte zu regnen.
Aber der Alte setzte seine Erläuterungen unentwegt fort:
„Da es schon spät am Abend war, beschlossen wir, die Dorfältesten, am nächsten Morgen bewaffnet das Haus zu stürmen und diesem Horror ein Ende zu setzen. Das Kind war wieder weg gerannt, anscheinend zurück zu seiner Mutter. Als wir dann am nächsten Morgen das Haus erreichten, entdeckten wir sogleich das Feuer, ausgebrannt - und wir wussten, es war zu spät. Wir stürmten das Haus, doch es war keiner mehr da. So wird angenommen, dass er erst seiner Familie und dann sich den Tod gegeben hat und sich in die Flammen warf. Man fand seine verkohlten, mit Eisennoppen bestückten Bergstiefel, die er immer trug, und die leeren Benzinkanister zeugen davon, wie auch halb verbranntes Spielzeug der Kinder, und sogar die Halsbänder der Hunde und Katzen der Frau, schwer verkohlt, aber erkennbar. Auch im Haus fehlte alles, wie Kleidung, Papiere usw. Er hat wohl alles den Flammen übergeben. Wir haben trotzdem noch die Gegend abgesucht, da einige munkelten, er hätte seine Leichen auch in seinem höher gelegenen Obstgarten vergraben. Denn man hatte vor einigen Jahren vergrabene Kleiderreste und sogar Knochen gefunden. Wir haben auch Suchhunde eingesetzt, von einem unserer Dorfbewohner, der bei der Duane arbeitet, aber wir haben nichts gefunden.
Ja,  das war die schreckliche Geschichte von "Tempuscuru" und diesem Haus und warum es nun verlassen und vor allen Dingen verflucht ist … na, das hat ihnen sicher eine dicke Gänsehaut verpasst, was?"
Er lachte hämisch, als er bemerkte, dass sie sich fröstelnd die Hände rieb. "So und nun lasse ich sie in Ruhe, tut mir leid, dass ich sie so lange aufgehalten habe…“
„Ach, das macht doch gar nichts, danke sehr für diese spannende, doch vor allen Dingen, von haarsträubenden Lügen strotzende Geschichte, wie auch immer, nicht schlecht erzählt! Ich werde sie in die Zeitschrift einstellen, für die ich als freie Journalistin arbeite. Unter der Rubrik „lokale Horrorgeschichten … frei erfunden und mündlich überliefert“.
Sie wandte sich mit verschlossener Miene ab, dann suchte sie nach einem  Schlüssel in ihrer Jackentasche. Anschließend öffnete sie den übervollen Briefkasten, neben dem Tor auf dem Torpfosten, wo noch ihr Name in verwischter Schrift drauf stand. Sie entnahm die Post und brachte den Stapel zum Auto. Dann machte sie sich auf den Weg, ohne den Alten, der ihr entgeistert mit offenen Mund und aufgerissenen Augen hinterher starrte, noch eines Blickes zu würdigen.  Sein Hund rannte wild kläffend dem abfahrenden Wagen hinterher, der aber auf einmal nicht mehr zu sehen war.

Eine alte Frau steckte ihren Kopf aus dem Fenster des gegenüberliegenden Hauses und rief zu dem alten Mann hinunter: „Was ist denn los, Ghjuseppu, was starrst du denn deinem bellenden Hund so hinterher, du bist weiß, als hättest du einen Geist gesehen?!“

© Miluna Tuani
Februar 2012

Kommentare:

Michael Gilhaus hat gesagt…

Ich liebe ihren Schreibstil. Hier einmal deftig, originell, aber sie kann es auch sehr poetisch: http://www.bookrix.de/_title-de-miluna-tuani-entflammt

wilhelmine hat gesagt…

spottdrossel kommentierte am 19.02.2012
Ah ja,
und irgendwann sind sie in ein Raumschiff gestiegen und in den Sphären entschwebt!
Echt genial...

Miluna Tuani hat gesagt…

danke ihr Lieben, bis bald wieder auf BX, herzlichst, Eure Miluna

gehstock hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.