Sonntag, 18. Dezember 2011

Anekdoten aus Korsika: „Diu vi salvi Regina…“



Liebe BesucherInnen,
heute möchte ich Ihnen einen weiteren Beitrag aus der Reihe „Anekdoten aus Korsika“  vorstellen.
Er trägt den Titel „Diu vi salvi Regina…“

Im Jahre 1988 verbrachten wir wie immer unseren Sommerurlaub auf Korsika. Wir hatten gerade eine Bergtour in der Monte-Cinto-Gegend und Haute Asco hinter uns und machten uns auf die Rückfahrt über Ponte Leccia an die Ostküste. Im Ort machten wir halt um noch einzukaufen, als ich in dem Krämerladen ein angeschlagenes Plakat entdeckte, das anzeigte, dass heute Abend in einem Bergdorf nahe Ponte Leccia ein Konzert einer korsischen Gruppe stattfinden sollte. Ich kannte schon einige Lieder dieser Gruppe aus dem Radio und fand sie einfach hinreißend. Also überredete ich meinen Vater noch einen ruhigen Tag hier in der Gegend zu verbringen und dann am Abend in das Dörfchen zur Gala hochzufahren. Ich bot ihm sogar an, danach bei den Astrofotos zu assistieren, was ich ja sonst selten machte. Er ließ sich überreden, da er ja fast nie nein sagen konnte.

Wir verbrachten den Tag also in der Nähe am Fluss, und am Abend fuhren wir dann ins Dorf hinauf. Im Stadium vor dem Ort war schon die Bühne aufgebaut, und der Platz füllte sich langsam an. Die meisten Leute sammelten sich um die Pastisstände. Einige der alten Lieder, der zu dieser Zeit schon sehr bekannten korsischen Gruppe, hallten über die anliegenden Berge in das Tal. Bei vollständiger Dunkelheit ging es endlich los. Wir hatten uns an einen der Tische in die Mitte des Platzes  gesetzt, die jetzt alle mit Champagnertrinkenden voll besetzt waren. Durch die Nacht hallten die ätherischen, pathetischen klänge, begleitet von den faszinierenden Stimmen der Sänger. Ich war völlig hin und weg. Live war diese Gruppe ja noch eindrucksvoller. Ich ging völlig im Zauber der Musik unter, schwelgte wie in Trance, von der Anziehungskraft der Musik dieser außergewöhnlichen Gruppe, die uns die  korsische Seele noch näher brachte. Es stand fest, von diesem Abend an war ich ein totaler Fan dieser Gruppe und ihrer Musik.

Mein Vater machte wie immer seine unpassenden ironischen Bemerkungen, wie „ist ja nicht schlecht das Gedudel, nur die Lautstärke ist störend, man hört ja seine eigene Stimme nicht mehr! Beim nächsten Mal nehme ich Ohrstöpsel mit“, versuchte er die Lautstärke zu überschreien.

Ich hoffte innig, dass ihn keiner verstanden hatte, kaum möglich bei den vollen Klängen, die sich nun auch mit rhythmischen schwungvollen Liedern abwechselten.

Das Konzert dauert etwa zwei Stunden. Dann gab es einige Zugaben, wo die Gruppe einige ihrer alten, bekannten Lieder vortrug, wobei das vor allem jüngere Publikum völlig in Ekstase geriet. Wir, die  Zuschauer wurden von den Sängern aufgefordert mit zu singen und mit zu klatschen. Ich begab mich in die vorderste Reihe zu einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die alle vor der Bühne auf dem Boden saßen und lautstark mit grölten und wild klatschten, denn in meinen Reihen an den Tischen um uns herum saßen nur ältere Leute, die sich fast nur unterhielten, und das störte mich. In der ersten Reihe ging es dann wirklich gut ab. Bis zum letzten Lied blieb die Stimmung auf der Höhe. Ich war noch ein wenig vor gerutscht und hatte so den ganzen Platz hinter mir. Nun wurde mit pompösen Synthesizer-Klängen die korsische Nationalhymne „Diu vi salvi Regina“ eingeleitet, und alle Zuschauer stimmten mit ein und intonierten aus vollem Herzen diesen religiösen Gesang, der das Konzert offiziell abschloss. Ich saß im Schneidersitz nahe der Bühne und sang völlig vertieft mit. Ich spürte diese faszinierenden Klänge in meinem inneren vibrieren, wurde eins mit der Musik, mit den Stimmen, es war einmalig … als es dann vorbei war, weckte mich der tosende Beifall aus der Trance.
Ich erhob mich langsam, schüttelte mir den Staub vom Körper und begab mich dann durch die Menge nach hinten zu meinem Vater. Oh, die Leute waren schon alle aufgestanden, um zu gehen? Ich bahnte mir ein Weg hindurch, aber  irgendwie hatte ich den Eindruck, dass ich von allen Seiten von unzähligen Augenpaaren angestarrt wurde. Einige Leute schauten mich strafend an, einige lachten, einige schüttelten unverständlich den Kopf. Was war denn da geschehen? Hatte ich zu schief gesungen? Oder den Text schlecht interpretiert? Ich erreichte meinen Vater, der mir schon ungehalten zuwinkte, und mich dann schnell aus der Masse in Richtung Auto wegzog. Ich wehrte mich, da ich doch noch ein Album und ein Poster kaufen und es von den Sängern signieren lassen wollte … doch er schob mich beiseite, und fauchte mich an: „Du hast dich ja fürchterlich blamiert! Alle, aber auch alle, selbst die Ältesten und Gebrechlichsten sind  während der Nationalhymne aufgestanden! Du warst die Einzige auf dem gesamten Platz, die vorne vor der Bühne sitzen geblieben ist, selbst die Sänger haben gegrient! Wie ist es möglich, dass du nichts bemerkt hast?!!!“

Auweia, mir stieg das Blut in den Kopf. Das war wirklich peinlich. Aber in Anbetung dieser ergreifenden Musik, habe ich eben nichts mehr neben und hinter mir wahrgenommen …

Ein zweites Mal ist mir das natürlich nicht mehr passiert … beim nächsten Konzert war ich die Erste, die beim Beginn der korsischen Nationalhymne aufstand …

Liebe Grüße,
Miluna


© Miluna Tuani

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