Mittwoch, 16. März 2011

Die Mönchssekte der Ghjuvannali

Die Mönchssekte der Ghjuvannali wurde im Jahre 1384 in Carbini (Alta Rocca), im Süden der Insel gegründet. Sie wurde u.a. von dem Franziskanermönch Ghjuvanni Martini geleitet.
Zu jener Zeit war die Insel von Hungersnot, Elend und Krankheit heimgesucht, von Ausbeutern und Ausgebeuteten.
Die Mönchssekte machte sich schnell Feinde, da sie sich weigerte Steuern zu zahlen, um den Prunk der reichen Herrscher zu untertreiben. Die Ghjuvannali hielten sich vor allem im Süden der Insel versteckt, hatten aber auch eine Hochburg im Norden der Insel, in der Alisgiani-Gegend. Von dort aus verbreiteten sie ihre Thesen:
Ihre soziale und religiöse Doktrin basierte auf der Armut und der Schenkung. Das bedeutete für sie, dass sie keine Güter besitzen durften und alles Erstandene mit den anderen teilen mussten. Sie legten sich Bußfertigkeiten auf und praktizierten die Selbstkasteiung, lobpreisten Selbsterniedrigung, Einfachheit sowie Gewaltlosigkeit und verzichteten auf das Sakrament der Heirat.
Wichtige Regeln der Ghjuvannali waren beispielsweise das Verbot Menschen, vierbeinige Tiere und Vögel zu töten sowie zu fluchen. Außerdem mussten sie sich der Arbeit verpflichten.

Sie lehnten es ab sich von Tierfleisch, Fetten und Milchprodukten zu ernähren, da sie daran glaubten, dass sich in den Tierkörpern die Seelen verstorbener Menschen aufhielten. Wer ein Tier tötete, um sich damit zu ernähren, begab sich also in der Gefahr, einen Mord an einer Engelsseele zu begehen, die in einem Tierkörper Zuflucht gesucht hatte. Auch war es ihnen verboten gegorene Getränke (z. B. Wein) zu trinken.

Nach der These von Alexandre Grassi im Jahre 1866, waren die Ghjuvannali oder Giovannali korsische Katharer, die sich von den Franziskanern und den Fraticelli abgespalten hatten.

Der Begriff Katharer steht für die Anhänger einer christlichen Glaubensbewegung die sich ab dem 12. Jahrhundert bis zum 14. Jahrhundert vornehmlich im Süden Frankreichs, aber auch in Italien, Spanien und Deutschland verbreitete.
Aus diesem Grund wurden die theologischen Standpunkte der Ghjuvannali als absurd und sogar als diabolisch von den Oberhäuptern der Kirche betrachtet.
Für die römisch-katholische Kirche stellten sie eine gefährliche und völlig neue Bedrohung dar, da sie erstmals in Europa den Versuch gemacht hatten, eine Gegenkirche zu etablieren und es ihnen regional auch gelungen war. In den Augen der Päpste galt die kathartische Bewegung als Häresie. (Dies ist eine Lehre, die im Widerspruch zur Lehre einer christlichen Großkirche steht und beansprucht, selbst die Wahrheit richtiger zum Ausdruck zu bringen)

Deswegen ließ der damalige Papst die Ghjuvannali (fast 20 000 bis 30 000 Menschen) mit einer Armee bewaffneter Soldaten auf der Insel verfolgen und ausmerzen.

Der Benediktiner Urban V. erhielt die Exkommunikation aufrecht und sendete einen Legaten nach Korsika. Dieser bischöfliche Kommissar, der von den örtlichen Feudalherren geschützt und unterstützt wurde, organisierte einen heiligen militärischen Kreuzzug in der Gegend von Carbini und an der Ostküste. Im Namen der Kirche wurden von 1363 bis 1364 in Carbini, Alisgiani, Ghisoni und in anderen Dörfern zahlreicher Ghjuvannali massakriert, Frauen, Kinder, Greise und andere Unbewaffnete eingeschlossenen. Manche ließen sich ohne Widerstand abstechen, um zu beweisen, dass ihr Glaube sie stark und mutig machte und sie niemals darauf verzichten würden.

Die letzten Ghjuvannali starben auf grausame Weise als Martyrer bei Ghisoni, am Fuße der Berge Kyrie Eleison und Christe Eleison:

Die letzten sechs Ghjuvannali wurden bei lebendigem Leibe dort verbrannt, nachdem die Armee der Ketzerjäger alle Bewohner des Dorfes (das Geisterruinendorf aus meiner Anekdote!) in dem sie sich versteckt hielten, niedergemetzelt hatte.

Der Legende nach sollen sie in ihrer Agonie ihren Gott angerufen und die Worte Christi und Kyrie Eleison in den Himmel geschrieen haben. Ihre Schreie hallten gespenstig als Echo von den beiden dahinter liegenden Bergen wieder. So hat man diese Berge Christi und Kyrie Eleison genannt.
Man erzählt auch, dass aus den Scheiten und den Flammen die die Körper verschlangen, je sechs weiße Tauben aufstiegen und in Richtung der Berge flogen

… dies war eine der dunkelsten Seiten der Geschichte Korsikas …

Die korsische Kultgruppe Canta U Populu Corsu (sie wird in einem weiteren Post vorgestellt) hat ein Lied zum Thema der Ghjuvannali geschrieben, welches sie in ihrem Album „Rinvivisce" veröffentlicht hat. Hier geht es zum Video

Übersetzung des Refrains aus dem Lateinischen:

Dies iræ, dies illa,
Solvet sæclum in favílla,

An diesm Tag des Zorns,
nur an diesem Tag da
Wo die Welt in Asche reduziert sein wird

Herzlichst,
Ihre Miluna

© Text Miluna Tuani
© Photos: Wikipedia

Quellen: Wikipedia, Le village de Ghisoni, Alta Rocca, Carbini, le Couvent d'Alisgani

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