Montag, 14. März 2011

Anekdoten und Reiseerinnerungen aus Korsika: Fast zum dritten Mal schiefgegangen Wochenthema: Das Plateau di Coscione

Es war Anfang März 1993, ich hatte mich mit einer Freundin auf nach Korsika gemacht, und ich beschloss, ihr das Plateau di u Coscione von Quenza aus zu zeigen, da sie es noch nicht kannte...

Die Strasse bis zur Bergerie von Buchinera war frei geräumt, aber links und rechts auf den Bergen lag noch oder schon wieder Schnee, so auch auf der Piste, die durch das Coscione führte und die Hochebene war noch immer weiß zugedeckt.

Die Sonne kam ab und zu durch, aber es war eher wolkig, als klar.
Wir machten uns auf die Wanderung, unser Ziel war, das so genannte galaktische Tor zu durchqueren: Zwei Torpfleiler, die wir so getauft hatten, und von denen man einen ausgezeichneten Blick zum Castellu di Urnucciu hat, den wir den Sonnetempel genannt haben.

Nach einer Stunde ziemlich beschwerlichen Weges, denn wir sanken tief im Schnee ein und hatten die Hosen bis zu den Knien durchgeweicht, begann ein eiskalter Wind zu wehen und es fing an zu nieseln. Meine Freundin hatte die Wanderschuhe voll von Schnee und Matsch und begann sich ernsthaft zu beschweren. Sie entschied sich, zurückzugehen, um im Auto auf mich zu warten. Sie verstand, dass dieser Marsch für mich wichtig war und was die Erinnerungen an diese alljährige Wanderung bis zu diesem Ziel für mich bedeuteten: das Geschehene zu akzeptieren. Mein Vater war im Juli desselben Jahres nach kurzer schwerer Krankheit verstorben und ich ging nun alle unsere gemeinsamen Wege ab, um sie in Zukunft alleine weiter gehen zu können.

Die Hochebene Plateau di Coscione. Foto: Jean-Jacques Mattei/Flickr

Sie kehrte also zum Auto zurück und ich setzte meinen Pilgermarsch fort. Ich versicherte ihr, dass ich vor Anbruch der Dunkelheit zurück sei, und stakte weiter durch den hohen Schnee, bis hin zu meinem Ziel. Der Weg schien im Schnee viel länger und ich hatte mehr Zeit gebraucht als vorhergesehen. Die Sonne neigte sich fast dem Untergang zu. Nachdem ich dann endlich das „galaktische Tor" erreicht hatte, ruhte ich mich kurz aus, machte mich aber anschliessend schnell auf den Rückweg, den Castellu d'Urnucciu vor mir, unseren Sonnentempel, der jetzt von dicken grauen Wolken umgeben war, die sich als Dunst auf die weiße Hügellandschaft niederlegte. Ich nährte mich noch ein wenig in seine Richtung um einige Fotos zu schießen, dann durchquerte ich die Ebene vor ihm, parallel zur verschneiten Piste.

Die verschneite Hochebene Plateau di Coscione. Foto: Jean-Jacques Mattei/Flickr


Ich kam aber nur langsam voran, da hier der Schnee noch unberührt war. Ich bemühte mich zügig voran zu staksen, und nahm mir vor, wieder auf die Piste zu gelangen. Ich hatte dabei den Blick auf meine Füße gerichtet, als ich auf einmal feststellte, dass dichter Nebel aufkam, so dicht, und so schnell, dass ich nicht mehr mal meine Beine noch meine Hand vor Augen sah. Er war weißlich grau, undurchdringlich, ich konzentrierte mich, um mich zu orientieren. Ich entschied, meinen Schritten zu folgen, um dann wieder die Piste zu erreichen, doch da begann es auch noch zu schneien. So schnell fielen die Flocken, und so dicht, dass sich meine Fußstapfen schnell mit Schnee anfüllten, und die Spur in kürzester Zeit verschwommen, sprich nicht mehr sichtbar war.

Ich geriet zwar nicht in Panik, aber ich lief in Kreisen, und begriff schnell, das ich jede Orientierung verloren hatte: ich sah nur grau und weiß um mich herum, meine Füße waren wie taub von der Kälte und der Feuchtigkeit, meine Hände eisig, ich wusste, dass ich nicht stehen bleiben durfte, aber auch nicht zu weit in eine falsche Richtung gehen sollte, sonst würden mich heute Nacht die Wildschweine und Füchse verspeisen...

Was tut man nun in einer solchen Situation? Eine Unterschlupf suchen? Hier gab es nur große runde Steinsbrocken, kaum eine Höhle, Bäume gab es auch nicht, Buschwerk, ja, vielleicht hoch genug um sich darunter zu verstecken und auf besseres Wetter zu warten, aber für wie lange?

Der Wind brauste mir eisig um die Ohren, die Schneeflocken wurden immer größer, das marschieren fiel mir immer schwerer.

Ich hatte große Lust mich hinzusetzen um etwas auszuruhen, aber meine innere Stimme hielt mich an weiter zu marschieren. Der Nebel blieb dicht.

Ich lief in eine Richtung, aus der ich glaubte, Plätschern eines Baches gehört zu haben und hoffte, dass dieses der Bach sei, der die Piste überquert. Doch die Enttäuschung war groß, es war ein weiteres Pozzine, in dem das Wasser vor sich hinsprudelte, aber unter dem Schnee verschwand. Ich trank ein wenig Wasser, das einen starken moosigen Geschmack hatte, aber meine trockenen Lippen befeuchtete. Und da ließ ich mich fallen, setzte mich im Schneidersitz vor dem Pozzine und blieb so eine Weile harren, um mich auszuruhen...

Mir kamen und gingen wirre Gedanken. Wie oft hatte ich mir gewünscht, hier an diesem Ort für immer bleiben zu können, aber nun eine Chance hatte sich mir bisher geboten: die Heirat mit dem Hirten aus dem Nordwesten des Coscione, (siehe meine Anekdote "Fast zweimal schief gegangen"), und nun hatte ich das zweite Angebot des Schicksals: als gefrorenes Fossil unter einer dichten Schnee- und Matschdecke zu enden. Ich fühlte mich schlapp, ausgelaugt und ohne Motivation, wie schon paralysiert von der Kälte, die immer mehr in meinen Organismus kroch, scheinbar schien sie bald beim Gehirn angekommen zu sein...

So musste man sich im Nichts fühlen, oder im All, nur das es dort schwarz ist, und die Schwerelosigkeit einen schweben läßt. Hier im feuchten, kalten weiß fühlte ich mich schwer...erstarrt zu einer Eisstatue...

Ich fragte mich, ob mich der Hirte verflucht hatte, da ich abgelehnt hatte, sich mit seinem Sohn zu verheiraten. Mich und auch meinem Vater, der ganz plötzlich krank wurde und so schnell verstorben war, dass ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht begreifen konnte...

Meine Gedanken wurden nun auch von einer beißenden Kälte umhüllt, und ich spürte wie mir der Kopf nach vorne überfiel.

Doch scheinbar hatte mich das Knacken im Nacken wieder aufgeweckt: ich hob den Kopf und öffnete träge die Augen, ich glaubte, eine Erscheinung zu sehen, mir schien, als sähe ich zwei runde orange Lichter vor mir, die sich in meine Richtung bewegten, ein tosender Lärm erreichte meine eiskalten Ohren, und ich versuchte zu erkennen, was da scheinbar auf mich zukam.
Iich erkannte die Umrisse eines Geländefahrzeuges, nun Traum oder nicht, ich erhob mich mühevoll, meine Gelenke waren wie eingefroren und ich schleppte mich in Richtung des Gefährts, dass auf einmal vor mir stehen blieb, und seine Scheinwerfer auf mich richtete.

Es hatte aufgehört zu schneien, und der Nebel war ein wenig durchsichtiger geworden. Ich nährte mich dem Gefährt und stellte fest, dass es ein Geländewagen war, in dem zwei Personen saßen. Eine Tür sprang auf, und zwei Männer in Jägerkleidung schauten mich erstarrt an: «Was machen Sie denn hier, mitten im Schnee?» - «Ich war auf Wanderung, doch der Nebel hat mich erwischt und ich habe die Orientierung verloren, fahren sie zufällig zur Buchinera, ich habe dort meinen Wagen stehen und meine Freundin wartet dort auf mich! Hat sie sie geschickt um nach mir zu suchen?» - «Ah, nein, kommen sie, steigen sie ein, sicher, wir bringen sie zur Buchinera. Wir sind auf Wildschweinjagd, wir haben da ein enormes Tier erlegt, wir kommen von der Croce, aber bitte, kein Wort zu niemandem. Sie wissen doch sicher, das es hier verboten ist zu jagen? « - « Ja weiß ich, natürlich werde ich nichts sagen, und danke sehr!» - Ich kletterte in den hohen Geländewagen, ließ mir erschöpft in den Rücksitz fallen, war aber wirklich erleichtert... Ich war gerettet dank der Wilderer...
Sie jagten ihren Geländewagen gekonnt über die schneebedeckten Flächen und dann stießen wir wieder auf die alte gute Piste.

Kurz bevor wir an der Buchinera ankamen, entdeckten wir einige Personen auf der Piste, die sich umschauten und laut in die Stille jemanden riefen. Meine Freundin hatte anscheinend Hilfe gefunden, und nun hatten sie sich auf meine Suche gemacht.

Ich bat meine Retter, anzuhalten und sie aufzunehmen. Und da gab es noch eine Überraschung, die Leute, die meine Freundin begleiteten, waren langjährige (Korsika-) Freunde von mir, die auch fast jedes Jahr auf die Insel kommen, aber schon zwei Jahre nicht mehr hier gewesen waren. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen, auf einmal waren sie da! Das war alles wie in einem schlechten Alptraum, aber mit Happy End, so außergewöhnlich.

Als wir sie erreichten, blieben meinen Freunden ebenso die Augen weit offen stehen: sie hatten anscheinend nicht gewusst, dass ich es bin, nach der sie suchten. Als meine Freundin sich zu Fuß auf die Suche gemacht hatte, war sie auf meine anderen Freunde gestoßen, die sich gerade auf die Wanderung machten. Sie hatte sie angeheuert, zusammen mit ihr nach mir zu suchen …

Die Begrüßung war mehr als herzlich. Doch meine Freundin schimpfte auf mich ein, wie ich es wagen konnte, sie so lange im Auto allein zu lassen. Ich erzählte was mir passiert war und ich versuchte sie zu beruhigen, was noch eine Weile dauerte bis es mir gelang.
Anschließend fuhren dann alle zusammen runter ins Dorf Quenza. Um die Rettung und unser Wiedersehen zu feiern, kehrten wir dann im Ort ins Restaurant ein, wärmten uns am Kaminfeuer und tranken guten Muskatwein. Auf dem Menue stand natürlich frischer Wildschweinbraten aus dem Coscione, der uns nach dieser Schockwanderung ausgezeichnet mundete.



Wir hatten auch meine Retter eingeladen, aber die wollten ihr eigenes Wildschwein schnell nach Hause transportieren...

Na, das war ja noch mal gut gegangen... solange mich immer mein Schutzengel begleitet, wird es wohl auch gut gehen...


Herzlichst,
Ihre Miluna

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