Dienstag, 29. März 2011

5. Mai 1992: Das Drama im Fußballstadion von Furiani auf Korsika – Teil 1

Alisha McKerry ist eine junge Lokalreporterin die auf Korsika lebt und als freie Journalistin und Fotografin für lokale Magazine und Zeitschriften arbeitet. Auch leitet sie ihre Übersetzungen an internationale Medien weiter. Hier ein Ausschnitt aus ihren Aufzeichnungen, die auf wahre Begebenheiten zurückgehen ...


Vorgeschichte

Um „die Einnahme des Jahrhunderts“ zu erzielen und angesichts des in diesen Jahren besonders attraktiven Gastes (Olympique Marseille hatte 1991 im Endspiel des Europapokals gestanden) hatte Bastias Präsidium beschlossen die Kapazität des Stadiums Armand-Cesari (auch unter seinem alten Namen „Stadium von Furiani“ bekannt) durch eine zusätzliche Stahlrohrtribüne um über 9.000 Plätze zu erhöhen.
Die finanziellen Erwartungen der Verantwortlichen erfüllten sich vollauf: 18.000 verkaufte Karten erbrachten eine Bruttoeinnahme von etwa 3 Mio. Francs (rund 450.000 Euro).
In einer Nacht-und-Nebel-Aktion schaffte der Verein deshalb Resultate: kurz nach dem Viertelfinalspiel am 22. April 1992 wurde die uralte Tribüne, die nur 750 Sitzplätze umfasste, ohne behördliche Genehmigung abgerissen. Der Aufbau der Zusatztribüne erfolgte unter extremem Zeitdruck. Nachdem die FFF der Verschiebung des Spiels zugestimmt hatte, blieb lediglich genau eine Woche für ihre Errichtung Zeit. Arbeiten an den Fundamenten fanden nicht statt, ebenso wenig wurde die Statik der 100 m langen und bis zu 15 m hohen Konstruktion durch gegossene oder gemauerte Stützpfeiler verbessert.

Der Abend des 5. Mai 1992

Die Reihen haben sich gefüllt, die Zuschauer heizen mit Gesang und Parolen die Stimmung an. 1 ½ Stunde vor dem Halbfinale zwischen Sporting Club Bastia und Olympic Marseille ist das Stadion so gut wie voll. Einige Sitze sind noch in der Nordtribüne verfügbar. Ab 19 Uhr gewinnt die Unruhe immer mehr Überhand: Die Verantwortlichen der Sicherheit, die Feuerwehrmänner, auch Journalisten und die zahlreichen Zuschauer erklären vor der Presse, dass sie einige Bedenken haben. Gewisse Journalisten, unter denen sich Herr A. De R. (Chef des Provenzalen Sportmagazins) befindet, weigern sich auf die Tribüne zu steigen. Für diejenigen, die schon oben auf der Nordtribüne platziert sind, ist die Spannung greifbar. Herr A, Sonderkorrespondent für Radio France: "Ich befinde mich hier oben auf der Tribüne des Stadions von Furiani in der Mitte der Zuschauer. Man kann die Spieler von hier oben kaum erkennen. Das ist wie verrückt, aber die Tribüne scheint zu schwanken, man fühlt sich wie auf einem Schiff. Liebe Hörer hoffen wir, am Ende des Spiels noch hier oben zu stehen."
Trotz der Beschwerden wird keine Entscheidung getroffen ... Um 20 Uhr erscheinen die Spieler des SCB und OM auf dem Platz, um sich unter Tonnen von Beifall und Getrampel aufzuwärmen. Unter der Tribüne bemühen sich Techniker, Schrauben nachzuziehen und Bolzen zu sichern. Einige Zuschauer sind erschreckt, als sie feststellen, dass Bretter und Träger der Tribüne zu fallen drohen. "Das ist wirklich der totale Wahnsinn", erklärte ein befragter Zuschauer, während er unter der Tribüne hindurchgeht und die Balken sieht, die sich unter dem Gewicht der Massen biegen.
Um 20 Uhr 15 gehen die Mannschaften in die Garderoben zurück. Die Tribüne wird immer unbeständiger. Manche wagen sogar nicht mehr, sich an das Geländer zu lehnen. Der Sprecher des Stadions wird von Vertretern der Sicherheit aufgefordert, die Zuschauer übers Mikrofon zu beruhigen. "Trampeln Sie bitte nicht mehr mit den Füßen!“ fordert er das Publikum auf, um zu vermeiden, dass sich einige Teile der metallischen Terrassen lösen.
Es ist 20 Uhr 20, an diesem Dienstag, dem 5. Mai 1992, als die hohe Seite der provisorischen Tribüne des Stadions einfällt und in sich selbst zusammenbricht und mehr als 2000 Personen, Zuschauer sowie Journalisten unter den Trümmern begräbt.
Das Drama ist geschehen, das Entsetzen und die Bestürzung tausender Zuschauer, die Agonie der Opfer werden im Fernsehen live übertragen. Man organisiert Erste-Hilfe-Leistungen, doch das ist nicht leicht in der wild durcheinanderlaufenden und in Panik schreienden Menschenmenge. Die Spieler helfen und beeilen sich, die unter den Trümmern liegenden Zuschauer zu befreien. Ein echter Solidaritätsschwung bemächtigt sich des Stadions von Furiani. Der Rasen wird zum improvisierten Krankenhaus. Ein Journalist vom korsischen Radiosender RCFM bezeugt: "Ich beteilige mich wie alle, ich transportiere Verletzte ab und habe eben, dank des Chefs der NOTÄRZTE, gelernt wie man Patienten intubiert.“
Um 21 Uhr 30 kommen erste Hubschrauber der Zivilsicherheit und der französische Verteidigungsminister, Herr Pierre Joxe, an. Er stellt den Katastrophenstatus in der Umgebung ab 22 Uhr aus. Dreißig Minuten später werden trotz der aktiven Rettungsmaßnahmen ein Toter und mehr als 50 Verwundete gezählt. Die Abtransportarbeiten dauern bis spät nach Mitternacht ... das Stadium bleibt gespenstisch unter eine dicken Staubwolke liegen.
Am nächsten Morgen, am Mittwoch, dem 6. Mai 1992 stehen die Inselbewohner und alle Personen, die von dieser Tragödie in den Medien hören unter Schock. Man stellt sich immer wieder dieselben Fragen: Warum ist dieses Halbfinalspiel nicht rechtzeitig abgesagt worden? Warum sind nicht alle Sicherheitsmaßnahmen getroffen worden, um die Sicherheit der Zuschauer zu gewährleisten? Die Beerdigungen der ersten Opfer finden statt. Die Bilanz ist immer noch nicht endgültig: sie beruft sich zurzeit auf 11 Tote und mehr als 1000 Verwundete.
Am 9. Mai ist ein Schweigegedenktag, der Tag der Isula Morta angesetzt, in Erinnerung an die Opfer der Katastrophe von Furiani.
14 verantwortliche Personen werden angeklagt und zum Teil verurteilt. Bastias Klubpräsident Jean-François Filippi, trat bald nach der Katastrophe von seinen Funktionen im Verein und im Regionalverband zurück. Neun Tage vor Prozessbeginn findet er ein gewaltsames Ende: Am 26. Dezember 1994 wird er vor seinem Haus erschossen. Ob dieser Mord mit den Ereignissen des 5. Mai 1992 zusammenhängt oder dem Geschäftsmann und Kommunalpolitiker Filippi galt, konnte bis heute nicht geklärt werden ...

© Miluna Tuani

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