Mittwoch, 9. Februar 2011

Gestern, Heute, Morgen ... und was ist mit Vorgestern und Übermorgen?

Heute möchte ich Ihnen eine meiner neusten Kurzgeschichten vorstellen. Sie spielt natürlich auf Korsika und ist in das Genre der RealFiction einzuordnen. Über Kommentare würde ich mich sehr freuen ... Viel Spaß beim Lesen!

Herzlichst,
Miluna


Kappentext von Gestern, Heute, Morgen ... und was ist mit Vorgestern und Übermorgen? Eine RealFiction Kurzgeschichte von Miluna Tuani

Alisa arbeitet als Altenpflege in den Bergdörfern der Mittelgebirgsgegend Moïta Verde auf der Insel Korsika ... Auf dem Weg zu ihrer Arbeit geschieht Unvorhergesehenes: das Bergdorf, in dem sie arbeitet, hat sich innerhalb einer Woche radikal verändert, und die Menschen, ebenso ... nichts ist wie vorher... Ist Alisa in einem Albtraum gefangen oder leidet sie unter einem Delirium, folge eines Unfalls, der ihr auf dem Weg dorthin passiert ist?



Alisa zog die serpentinenreichen Kurven in das hochgelegenste Bergdorf der Gegend hinauf, nachdem sie ihre Kinder zum Schulbus gebracht hatte. Sie arbeitete als Urlaubsvertretung für eine Altenpflegeorganisation. Den ganzen Sommer über hatte sie von morgens bis zum späten Nachmittag in den Bergdörfern der Costa Verde im Mittelgebirge der Ostküste Korsikas bei hilfe-und pflegebedürftigen alten Leuten den Haushalt geführt.
Sie war schon etwas spät dran und gab Gas, als die Straße sich ein wenig entschlängelte. Sie durchquerte einen dichten Kastanienwaldhain, deren alte Bäume schwer mit unzähligen Esskastanien behangen waren. Es war Ende September und bald würde die Kastanienernte beginnen. Alisa bremste, vor ihr überquerten verwilderte Hausschweine die Straße und grunzten verärgert, als sie hupte, um sie zum Laufen zu bringen.
Alisa setzte ihren Weg fort und stellte laut das Autoradio an, ein Lied ihrer Lieblingsgruppe ertönte, gesungen von jemanden, der ihr sehr am Herzen lag, und mehr noch ... seine Nähe brachte sie jedes Mal aus der Fassung. Er war wohl das wundervollste, liebevollste Wesen, das ihr je in ihrem Leben begegnet war.Er war so voller innerer und äußerer Schönheit, einem Engel, einer Gottheit gleich, so übernatürlich sanft und voller gebender Liebe. „...Ich bereue es so sehr, so sehr ... “- schniefte sie unter Tränen in den Augen. Nie würde sie darüber hinwegkommen, dass sie vor einigen Jahren die Chance ihres Lebens vorüberziehen hatte, lassen; aber sie wusste, es nützte nichts der Vergangenheit hinterher zu hängen, und alte Tränen zu vergießen; sie hatte nicht das Recht sich von deprimierenden Gedanken unterkriegen zu lassen, sie musste das Leben meistern, um ihre Kinder großzuziehen: Obwohl es manchmal nicht leicht war, alleinerziehender Elternteil zu sein, ermunterte sie sich immer wieder und hielt sich ihren Vater als Mut gebendes Beispiel vor Augen: Er hatte sie auch allein erzogen und aus ihr einen braven, anständigen Menschen gemacht; warum sollte ihr das nicht auch mit ihren Kindern gelingen?
Sie wechselte den Musikkanal und fuhr zügig voran, bis sie an eine steile Biegung kam, die sie fast reifenquietschend, also ein wenig zu schnell, anfuhr, sodass ihr Wagen zur Seite schleuderte. Doch sie manövrierte ihn geschickt und brachte ihren Wagen wieder auf die schmale von Schlaglöchern besäte Straße, die mehr einer schlecht betonierten Piste, als einer befahrbaren Straße ähnelte. Auf dem geraden Stück vor ihr drehte Alisa dann wieder auf. Vor sich entdeckte sie eine große graue Gewitterwolke, wie aus dem Nichts auftauchen. Die Sonne versteckte sich unter dem schweren Grau. Alisa bemerkte vor sich auf der Straße ein waberndes Flimmern, einer Fata Morgana ähnlich. Sie wischte sich die Augen, dann die Windschutzscheibe, doch das Wabern blieb. Urplötzlich schlug ein feuriger Blitz aus der Wolke hinunter auf die Erde, er raste die Straße vor ihr entlang, genau auf ihr Auto zu. Sie wollte abbremsen, doch mit Entsetzen stellte sie fest, dass ihr Wagen nicht reagierte. Der Blitz schlug in ihren Wagen ein. Ein gewaltiges Zittern erfasste ihr Gefährt, während sie in scheinbar unmöglichen Tempo auf dieses glühende Wabern zuraste. In Alisa stieg Panik auf; von einem grellen Licht geblendet hielt sie ihre Hände schützend vor die Augen. Da spürte sie augenblicklich einen enormem Aufprall, gefolgt von einem Taumel aus tanzenden Lichtern, der sie unzählige Sternchen vor ihrem inneren Auge sehen ließ und sich mit tobendem Schwindel mischte, der sie überkam. Auf einmal vernahm sei eine ungeheure Stille und ihr Bewusstsein tauchte in totaler Dunkelheit ab ...
Ihr Kopf fiel schwer auf das Lenkrad, an dem sich ihre Hände verkrampft festklammerten. Ihre Augen standen weit offen, doch sie starrten ins Nichts. Im Radio ertönte ein Lied von I Surghjenti: „E po mora“. An einer Stelle blieb das Stück haken und fing immer wieder von vorne an, unendlich lang, scheinbar oder Wirklichkeit? Nach einem scheinbar unendlichen Augenblick, erweiterten sich ganz plötzlich Alisas Pupillen, und Leben kam wieder in ihren Blick; sie hob müde den Kopf und versuchte sich zu orientieren; was war geschehen? Sie schaute nach draußen. Vor ihr fand sie die Straße, wie sie vorher wahrgenommen hatte; keine Gewitterwolke mehr, kein Wabern, kein grelles Licht, keine Bremsspuren, sie checkte ihr Gesicht im Spiegel ab, sie hatte keinerlei Verletzungen; sie stieg aus, prüfte den Wagen, aber nichts wies auf einen Unfall hin, sie blickte sich um, und entdeckte ein riesiges Kastanienbaumskelett hinter ihr auf der Straße liegen, aus der Richtung aus der sie gekommen war; ein Stück der Straße dahinter, war in einem Gesteinsrutsch in den Abgrund gestürzt. Alisa schüttelte den Kopf und dachte: „ Na, das ist aber komisch, ich habe den Baumriesen überhaupt nicht fallen sehen, aber was soll's, scheinbar bin ich übermüdet, die Arbeit im Sommer war hart, die viele Rumfahrerei, die Schrubberei in der Hitze, die Ausflüge mit den Kindern und alles andere drum herum, und nun hab ich die Soße auszulöffeln, so oder so, mir bleiben noch zwei Wochen, dann ist mein Vertrag zu Ende. “Puh ... so ein Mist, da muss ich ja den großen Umweg machen, um zurück zu mir zu kommen,“ - sie wischte sich den Schweiß von der Stirn; die Sonne brannte extrem grell auf sie herunter, zu grell für diese Jahreszeit. Anschließend stieg sie wieder ins Auto ein, und ließ ihren Wagen an, der erst ein wenig gurkte, dann aber ansprang. Im Radio lief noch immer, «E po mora«, und Alisa wollte den Sender ändern, doch in den anderen Frequenzen ertönte nur lautes unangenehmes Rauschen und Knacken, also stellte sie das Radio aus. Zügig, aber nicht schnell, setzte sie ihren Weg fort, bis sie in dem Bergdorf ankam, in dem sie bei zwei älteren Herren arbeitete; sie parkte ihren Wagen auf dem Dorfplatz, als der Glockenturm der Kirche gerade 10 Uhr schlug. Als sie ausstieg und ihren Wagen abschloss, vernahm sie ein langsam trauriges Glockenläuten aus dem anliegenden Nachbardorf. „Oh, eine Beerdigung...“ – Alisa schaute sich um, und war erstaunt, dass die Fensterläden der alten dichtanliegenden und aufragenden Steinhäuser alle verschlossen waren. Ein seltener Anblick in diesem sonst so belebten kleinen Bergdorf. Sie traf niemanden in den engen Gassen, die sie durchquerte, um zu dem Haus der beiden Herren zu gelangen, kein Hund und keine Katze begegneten ihr. „Die sind wohl alle zur Beerdigung ins Nachbardorf rauf, ist schon komisch, keine Autos, keine Tiere, keine Menschen, na, ich hoffe nur, die beiden alten Herren sind auch nicht auf und davon!“ - dachte Alisa, als sie an dem kleinen dreistöckigen alten Bauwerk ankam. Erstaunt bemerkte sie, dass die Bank vor dem Eingang fehlte, und die Fensterläden dunkelbraun gestrichen waren, vorher waren sie dunkelgrün. Auch eine der Baumranken war anscheinend eingegangen, und die Blumenbeete betoniert. „Unglaublich, was man für Veränderungen in einer Woche feststellen kann!“ – sinniere sie, dann klopfte sie an die Tür, „Herr Arrelghi, ich bin es Alisa, ihre Haushaltshilfe, sind sie und ihr Bruder zu Hause?“ Sie klopfte etwas stärker, dann hörte sie von innen ein leises “herein“. Sie öffnete die Tür und musste erst mal ihre Augen ans Dunkel gewöhnen. Sie entdeckte den alten Mann eingesunken und mit eingefallenen, vergrämtem Gesicht auf seinem großen Sessel sitzend. Er schaute müde in ihre Richtung, doch als er sie eintreten sah, riss er die Augen staunend auf und ihm blieb der zahnlose Mund offen stehen. „Mutter Maria“, hauchte er und bekreuzigte sich, den Blick immer noch wie unter Schock auf sie gerichtet; die Augen rot vor getrockneten Tränen. „Herr Arrelghi, geht es ihnen nicht gut, Sie machen den Eindruck, als wären Sie krank, Sie haben sich so verändert, soll ich Dr. Parinelli anrufen?“ Alisa ging zum Fenster und öffnete die Läden; Licht drang ein und der alte Mann kniff die Augen zu. „Dr. Parinelli, aber der ist schon vor zehn Jahren verstorben...“ „Ahm, ach, ich sprach von Dr. Jean-Emanuel, nicht von seinem Vater!“ entgegnete sie. „Ja, Jean-Emanuel ist vor zehn Jahren verstorben, sagte ich doch,!“ „Ah, ok, also es tut mir leid, dass ich ein wenig spät dran bin, aber ich hatte einen kleinen Unfall, ein Baum ist umgestürzt und ich hatte vor Schreck scheinbar das Bewusstsein verloren, also soll ich wie gewöhnlich mit dem Fegen oben in den Schlafzimmern anfangen?“ Der Greis schüttelte den Kopf. "Das letzte Mal das eine Haushaltshilfe hier vorbeikam, das war vor über zwanzig Jahren, wer sind sie? Ich habe sie für einen Augenblick für SIE gehalten, für meine arme liebe Alysa, hören sie die Glocken?“ Alisa stutzte, bemühte sich aber, ihr Erstaunen nicht anmerken zu lassen. „Ja...ich höre die Glocken ... Dem alten Mann stiegen die Tränen in die Augen, „Sie läuten für meine arme geliebte Alysa, sie wird heute zu Grabe getragen, meine einzige immerwährende Liebe ...“ „Oh, das tut mir ja so leid, mein herzlichstes Beileid, ich wusste nicht, dass Ihre Gattin noch lebte, Sie haben mir nie etwas davon erzählt!“ Der alte Mann schüttelte wieder den Kopf, „Nein, wir waren nie verheiratet, ich liebte sie lange Jahre lang, ohne dass ich ihr jemals offiziell meine Liebe gestehen konnte; sie hat es ihrerseits versucht, mir ihre Liebe zu gestehen, aber ich war nicht in der Lage, darauf einzugehen, unfähig, meine Gefühle zu meistern ... Ihre Nähe brachte mich jedes Mal aus der Fassung, so vergingen die Jahre, voller Sehnsucht nach ihr, versteckte, unterdrückte Gefühle, sie war das wundervollste, liebevollste Wesen, dass mir je in meinem Leben begegnet ist, sie war so voller innerer und äußerer Schönheit, einem Engel, einer Göttin gleich, so übernatürlich sanft und voller gebender Liebe, ich bereue so sehr, so sehr, so sehr und jetzt ist sie gegangen, es ist nun zu spät, zu spät ...“Der alte Mann begann hemmungslos laut zu schluchzen, stützte sein Gesicht in seine faltigen Hände. Alisa wurde bleich vor Bestürzung und Mitleid. „Herr Arrelghi, es tut mir ja so leid, wie kann ich Ihnen nur helfen? Ich weiß, es gibt keinen Trost für den Verlust eines so geliebten Menschen, aber seien sie getrost, sie wusste sicher dass Sie sie lieben und Sie werden sie immer in ihrem Herzen tragen ... ewige Liebe stirbt nie und existiert über den Tod hinaus ...“ Alisa war ein wenig erstaunt über ihre Worte und der Greis schaute aus seinen von Tränen rot verweinten glasblauen Augen entgeistert zu ihr auf ... "Ich wusste, sie sind eine Botschafterin, ja, ich werde ihr bald folgen ... und sie werden mich sicher geleiten, nicht wahr, sie sind Alysas Geleitengel, nicht wahr?“ „Herr Arrelghi, wenn Sie möchten begleite ich sie ins Nebendorf zur Beerdigung ihrer Liebsten ... und wo ist Ihr Bruder, ist er zur Beerdigung gegangen, und warum hat er Sie nicht mitgenommen?“ „Mein Bruder? Aber der ist doch schon über vierzig Jahre tot!“ „ Wie bitte, Ihr Bruder war noch vor einer Woche hier!“ „Fräulein, ich bin vielleicht alt und vom Schmerz zerrissen, meine geliebte Alysa verloren zu haben, aber ich kann ihnen versichern, mein Bruder ist seit vierzig Jahren unter der Erde, nein, ich möchte alleine zu ihr gehen, scheinbar verstehen sie mich nicht ... sie sind nicht der Begleitengel, ich weiß nicht, wer sie sind, und ob sie real sind oder nicht, ich fühle mich müde und möchte jetzt allein sein“...Er starrte sie wie scheinbar unter unerträglichen Schmerzen an und schüttelte den Kopf, „Ich werde zu ihr gehen, wenn alle Leute weg sind ... „Ich verstehe, möchten Sie, dass ich Sie hinbegleite, Sie wollen doch nicht zu Fuß ins Nachbardorf gehen ...“ „Na wie dann sonst, Fräulein? Gezäumte Esel mit Karosse besitzen nur die Reichen ...“ „Esel? Nein, mit dem Auto, natürlich ..." „Auto, es gibt noch Autos?“ Alisa seufzte. Scheinbar hatte der alte Herr aus Schmerz die Raison verloren, „Möchten Sie nun, dass ich Sie hinfahre, oder nicht?“ „Nein, die Beerdigung ist noch nicht zu Ende ..." „Wie Sie möchten, ich lasse Ihnen meine Handynummer hier, sollten Sie sich anders entscheiden, dann rufen Sie mich an, einverstanden?“ „Aber Telefon gibt es auch schon lange nicht mehr, seit dem letzten Weltkrieg ... Alysa, wie sie meiner Alysa ähnlich sehen, es ist schon eigenartig, vielleicht sind sie doch eine Art Weltkrieg ...“ „Ich wäre geehrt, es zu sein, wenn das Ihnen Ihren Seelenschmerz erleichtern würde.“ Der alte Mann nickte und fragte sie leise: "Glauben sie, Alysa hat mich geliebt?“ Alisa zögerte, doch dann antwortete sie schnell: „Sicher, sicher, ich bin sicher, und sie wird Sie für immer lieben, öffnen Sie ihr Herz und Ihre Seele und Sie werden es spüren ..." „Ja, ja, der alte Mann schloss versunken die faltigen Augen, dann rief er auf einmal fast freudig aus: "Ja, danke liebes Fräulein, ich danke ihnen, ja ich spüre es, ich spüre sie, sie ist da, ganz nah bei mir, bitte lassen sie uns nun allein, danke für alles ...“ Alisa seufzte, nahm die Hände des alten Mannes, drückte sie fest, er schaute ihr fest in die Augen, da spürte sie ein eigenartiges Kribbeln, Bilder wirbelten wild vor ihrem inneren Auge, verursachten ihr starken Schwindel, als wäre sie in einen Sog aus Energie hineingeraten, der ihr fast den Atem raubte, der alte Mann klammerte sich nicht nur mit seinen Händen an sie, es schien ihr, als wollte er sie irgendwo mit sich reißen. Ihr Herz schlug ihr auf Hochtouren, doch sie machte sich sachte von ihm los, dann drehte sie sich auf dem Absatz herum und rief im Gehen „Leben Sie wohl!" und sie verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzublicken. Alisa eilte zu ihrem Wagen zurück. Sie wollte ihre Chefin anrufen, um ihr zu berichten, dass Herr Arrelghi sich in einem selig fragilen Zustand befände und die zuständige Krankenschwester so schnell wie möglich bei ihm vorbeisehen sollte, doch sie bekam keinen Kontakt, ihr Handy konnte keine Sendestation finden ... also machte sie sich auf den Weg, folgte der Straße Richtung des Nachbardorfes, in dem gerade die Beerdigung der Liebsten des Herrn Arrelghi stattfand. Als sie dort ankam, wunderte sich Alisa, dass auch hier keine Autos geparkt waren, nur einige gezäumte Esel standen angeleint auf dem Kirchplatz, und andere warteten hufschabend vor ihren Karossen. Die Glocken begannen gerade wieder zu läuten und Alisa sah den Beerdigungszug aus der Kirche treten und in Richtung Campu Santu langsam hinaufschreiten. Alisa stieg aus und folgte dem Zug, einige Personen schauten erschreckt auf. Als sie sie entdeckten, rissen sie die Augen weit auf, wie schon Herr Arrelghi; sie tuschelten bestürzt untereinander, einige bekreuzigten sich, andere wichen ihr in Panik aus; das lag wohl an der willkürlichen Ähnlichkeit mit der Verstorbenen in jungen Jahren. Alisa reihte sich schnell hinten an, und versuchte, unauffällig zu folgen. Dann im Friedhof angekommen, begann der Priester die Liturgie zu intonieren, begleitet von traditionellen Paghjelle einiger Sänger aus dem Dorf, als der Eichensarg von den Familienmitgliedern, den Kindern, Enkeln und Urenkeln, Freunden und Bekannten der verstobenen in die Erde versunken wurde. Alisa stellte sich auf die Zehen, um die Zeremonie zu beobachten; sie schien einige Personen zu erkennen, die um den in die Erde gelassenen Sarg herumstanden, sie ähnelten Personen, besser Menschen, die ihr sehr nahe standen, aber nur um einige Jahre älter, die anwesenden Kinder glichen ihren Kindern – Alisa stockte der Atem. "Was geschieht hier nur, was machen meine Kinder dort bei der Beerdigung, bin ich verrückt geworden, oder was, nein, das sind nicht meine Kinder, sie ähneln den Meinen nur, das ist alles, und da, ist das nicht die Schwester meines Exmanns und ihre Tochter, nein das ist doch nicht möglich ..." Alisa versteckte sich hinter einer alten Eiche, bis die Zeremonie beendet war und die Gruppe sich langsam auflöste; es schien eine lange Weile gedauert zu haben, dann ging sie endlich hinunter zum Grab und schaute auf eine der marmornen Steine ... sie wurde augenblicklich kalkweiß wie die Friedhofsmauer; dort stand in goldverzierter Schrift, von Rosen und Herzen umrankt:


Hier ruht in Frieden unsere liebe Mama, Oma und Uroma ...
und dann stand dort ihr eigener Name:


Alisa, Geneviève, Marina Verdante
ihr Geburtsdatum: 14. Februar 1970
und das Sterbedatum: 11. September 2065 ...


«11. September 2 0 6 5?" dachte Alisa verstört. Und auf einmal drehte sich wieder alles vor ihrem inneren Auge; augenblicklich verlor sie das Bewusstsein und sackte vor dem frischen Grab leblos zusammen ...
So fand der alte Herr Arrelghi sie, als er am Grab ankam. Er warf seinen Gehstock weg und ließ sich neben ihr ins dichte wilde Gras fallen, er nahm sie in die Arme und wiegte sie wie ein Baby ... leise krächzte er: „Alysa, meine süße, liebe Alysa, ich habe sofort gespürt, dass du es bist, auch wenn es noch so unglaublich scheint, bitte lass es nicht ein zweites Mal zu spät sein, ich muss dir endlich mein Geständnis machen, Alysa, hörst du mich?“

© Miluna Tuani

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